Wolfram P. Kastner _ teilen statt kriegen
Wie könnte eine Welt aussehen, in der eine Kunst, wie sie Wolfram P. Kastner hervorbringt, nicht mehr notwendig wäre? Und was müssten wir tun, um eine solche Welt zu erreichen?
Die Ausstellung „teilen statt kriegen“ stellt diese Fragen ins Zentrum und formuliert zugleich eine eindringliche künstlerische Antwort auf eines der drängendsten Probleme unserer Zeit: Gewalt, Krieg und die gesellschaftlichen Bedingungen, die sie hervorbringen.
Kastners Arbeiten stehen dabei in einer langen Tradition künstlerischer Intervention gegen Krieg und Unrecht. Bereits während des Ersten Weltkriegs entstand mit Dadaismus eine radikale Gegenbewegung, die mit bürgerlichen Werten, Nationalismus und militaristischer Logik brach. Künstler*innen des Dada reagierten mit Provokation, Absurdität und künstlerischem Widerstand auf die Katastrophe der Zeit.
Auch in der Weimarer Republik verband sich Kunst mit politischem Engagement: 1922 eröffnete der Pazifist Ernst Friedrich in Berlin das Antikriegsmuseum, in dem erschütternde Fotografien von Kriegsverletzten gezeigt wurden – eine direkte Anklage gegen Militarismus und Verdrängung. Im selben Kontext wirkte der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam, der mit Ausstellungen, Texten und Aktionen für eine radikale antimilitaristische Öffentlichkeit eintrat.
In dieser Tradition positioniert sich auch Kastners Werk: Seine Arbeiten verbinden künstlerische Praxis mit politischer Intervention und zielen darauf, Erinnerung wachzuhalten und gesellschaftliches Bewusstsein zu schärfen.
Die Ausstellung zeigt Arbeiten auf Papier und Leinwand sowie die Installation „Gesundheitswesen“ (2004) von Wolfram P. Kastner und Günter Wangerin. Kastners künstlerische Strategien sind dabei bewusst provokativ – sie suchen die Reibung im öffentlichen Raum und stellen Fragen, die sich nicht einfach beantworten lassen.
„teilen statt kriegen“ lädt dazu ein, nicht nur zu betrachten, sondern Stellung zu beziehen.
Begleitprogramm
Renate Obermaier und Heinzl Spagl lesen aus »Die Stalinorgel«
am Donnerstag, 28. Mai 2026 um 20 Uhr
»Die Stalinorgel« von Gert Ledig gilt als einer der eindringlichsten Antikriegsromane der deutschen Nachkriegsliteratur. Der 1955 erschienene Roman schildert die Kämpfe an der Ostfront nahe Leningrad aus deutscher und russischer Perspektive – jedoch ohne Heldentum, Pathos oder militärische Verklärung.
Während viele Kriegsromane der Nachkriegszeit den „tapferen Soldaten“ in den Mittelpunkt stellten und Fragen nach Schuld oder Verantwortung ausblendeten, zeigt Ledig den Krieg als entmenschlichte Katastrophe. In kurzen, schlaglichtartigen Szenen beschreibt er Angst, Gewalt, Chaos und das Leiden der Soldaten. Der Roman verzichtet bewusst auf eine chronologische Darstellung des Frontgeschehens und konzentriert sich stattdessen auf die unmittelbare Erfahrung des Krieges.
Künstlergespräch mit Wolfram P. Kastner
am Mittwoch, 10. Juni 2026 um 19 Uhr
mit Bildvortrag und Kurzfilm.
Anhand ausgewählter Projekte spricht Wolfram P. Kastner über Kunst im öffentlichen Raum, über Formen künstlerischer Intervention und über die Frage, wie Kunst gesellschaftliche Debatten auslösen kann. Im Zentrum stehen Aktionen, die Aufmerksamkeit erregten und teils heftige Kontroversen sowie juristische Auseinandersetzungen nach sich zogen. Der Abend bietet Einblicke in Arbeitsweise, Hintergründe und Erfahrungen eines Künstlers, der seit Jahrzehnten konsequent die Verbindung von Kunst und gesellschaftlichem Handeln sucht.
Über Wolfram P. Kastner
Wolfram P. Kastner wurde 1947 in München geboren. Er studierte 1966–72 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Robert Jacobsen, Franz Nagel und Thomas Zacharias sowie Germanistik, Psychologie, Pädagogik, Kunstgeschichte, Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität München. Kastners Werk umfasst Malerei, Zeichnung, Installation, Fotografie und vor allem öffentliche Aktionen, die gesellschaftliche, politische und historische Themen adressieren. Dabei setzt er sich insbesondere mit der Geschichte des Nationalsozialismus, mit Gewalt, Ausgrenzung und Erinnerungskultur auseinander.
Sein Werk verbindet künstlerische Praxis mit politischer Intervention; es zielt darauf ab, Erinnerung und kritisches Bewusstsein in die Öffentlichkeit zu tragen – oft jenseits etablierter Ausstellungskontexte. Kastners Aktionen verstehen sich als ästhetische Interventionen, die nicht nur ästhetisch reizvoll, sondern politisch bewusstseinserweiternd sein sollen und oftmals Kontroversen, Verbote und juristische Auseinandersetzungen nach sich ziehen.
Für sein Engagement wurde er 2005 mit dem German Jewish History Award der Arthur Obermayer Foundation (Boston, USA), 2011 dem Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitzkomitee und 2022 mit dem Preis Aufrechter Gang der Humanistischen Union ausgezeichnet.